Dienstag, 1. Dezember 2009

Quo vadis?

Ein Schiff pflügt durch die bewegte See. Die Passagiere sitzen im Salon, im Speisesaal, an der Bar und geniessen die Reise. Zwar weisen die Bezüge der Sessel Risse auf, die Speisefolge ist immer dieselbe und an der Bar werden nur noch zweitklassige Getränke serviert. Mehrmals täglich werden Pumpen angeworfen, wieso interessiert niemand. Der Radar steht seit Tagen still. Was soll's, die Sicht ist ja gut. Der Kapitän wurde schon lange nicht mehr gesehen, keiner weiss genau wo er ist. Irgendwo an Bord wird er wohl sein, das Schiff fährt ja auch ohne ihn und solange die Animation noch klappt, kann es den Passagieren ja egal sein, wenn ein anderer auf der Brücke steht. Und wenn doch einmal ein Fahrgast die Frage stellt, wohin denn die Reise gehe, so wird er von der Schiffsführung beruhigt: man habe alles im Griff, ein GPS und Navigationskarten seien vorhanden, es könne nichts passieren; zudem, kein Schiff sei völlig wasserdicht, dass man zwischendurch kurz lenzen müsse, sei normal, das hätte schon die britische Flotte vor der Schlacht vor Trafalgar gemusst. Dass die Schiffsrümpfe schon lange nicht mehr aus Holz gefertigt werden, interessiert niemand.
Die Laufräder der Winden zum Herunterlassen der Rettungsboote sind verrostet, ob sie gar festgerostet sind? Die Taue der Rettungsboote sind verfranst, ob sie das Gewicht eines vollbesetzten Bootes noch aushalten? Vielleicht stellt sich der eine oder andere Passagier diese Frage, offen ausgesprochen wird sie nicht.
Die Besatzung ist klein, sehr klein. Ist sie gross genug, um das Schiff allein zu führen? Oder braucht sie Hilfe? Müssten die stärksten Gäste vielleicht mit anfassen? Die Besatzung sagt nichts, die Passagiere fragen nicht. Das Schiff fährt weiter durch den bewegten Ozean.
Doch das grösste Meer weist Küsten auf, Untiefen und Riffe. Aus dem Nichts kann ein Sturm entstehen. Wachsamkeit und Engagement wären gefragt, sonst droht dem Schiff der Untergang. Die Lecks müssen gestopft werden, mit Hilfe der Passagiere wenn nötig. Zwar läge das in der Verantwortung der Mannschaft, doch wenn diese zu klein ist, um mit allen Problemen fertig zu werden, dann müssen die Passagiere mit anpacken. Wenn das Schiff scheitert, sinkt, dann geht nicht nur die Besatzung mit auf den Grund der See, auch die Passagiere sind dann den Elementen hilflos ausgeliefert. Doch wen interessiert es, das Schiff fährt ja, wieso sich also darum kümmern?
Die Mannschaft ist abgestumpft, erledigt ihre Aufgabe, mehr nicht. Hält sich stur an die Schiffsordnung. Gesetz ist Gesetz und das wird ohne wenn und aber durchgesetzt. Man ist ja schliesslich professionel. Man hat alles unter Kontrolle. Und wie kann man das besser unter Beweis stellen, als damit, dass man die Schiffsordnung ohne Rücksicht durchsetzt. Dem einen oder anderen Passagier wird es vielleicht mulmig über den Mangel an gesundem Menschenverstand, vielleicht muckt sogar einer auf. Doch wird es zu einer Reaktion kommen, wird mehr geschehen, als dass der eine oder der andere die Faust im Sack macht? Denn wen interessiert es letzten Endes, das Schiff fährt ja, wieso sich also darum kümmern?

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