Zwei Wochen vor der WM besuchte ich die Nationalmannschaft in ihrem Trainingscamp in Hasle. Was ich sah und hörte, stimmte mich zuversichtlich. Die Konditionwerte waren besser als je zuvor. Das Powerplay funktionierte selbst auf dem rauen Belag in Hasle verblüffend gut, die Jungs schienen gut aufeinander abgestimmt. Einziger Wehrmutstropfen: Stefan Kunz musste aufgrund seines noch nicht ausgeheilten Kreuzbandrisses forfait geben.
Ich hatte auch Gelegenheit mit Sébastien Pico im kleinen Kreise über meine Eindrücke zu sprechen. Meiner Einschätzung nach, handelte es sich um eine junge Mannschaft mit viel Potenzial, die in Pilsen einiges erreichen könnte. Aber, so fügte ich an, die Mannschaft ist sehr jung und das ist auch ihre Schwäche. Läuft die Sache in der Tschechei nicht wie erhofft, ist auch ein Absturz tief in die B-Gruppe möglich.
Manchmal hasse ich es, wenn meine Prognosen aufgehen......
Nun, es gibt einige Personen, die nun den Kopf von Pico fordern. Ist im ersten Moment logisch, er hat versagt. Aber hat er wirklich versagt? Es ist etwas eingetreten, das absehbar war, das - wenn man auf junge Spieler setzen will - immer passieren kann. Es läuft nicht, die Mannschaft fällt in ein Loch und es ist kein Leader vorhanden, der das Team wieder auf Kurs bringt.
Ist Pico schuld, dass kein Leader im Team war? Konnte er etwas dafür, dass Kunz sich das Kreuzband riss, Stuppan Leistenprobleme oder Ronny Strähler Hüftprobleme hatte? Nicht wirklich. Hätte es andere Leaderfiguren gegeben, die man hätte aufbieten können? Auch nicht. Pico musste mit dem Spielermaterial auskommen, das ihm zur Verfügung stand. Natürlich kann man immer über einzelne Spieler diskutieren, gerade wenn es sich um Spieler des vierten Blocks handelt. Ein anderer Trainer hätte vielleicht andere Spieler für diese Positionen aufgeboten, am Ergebnis hätte sich wohl nichts verändert.
Also trifft Pico keine Schuld am schlechten Abschneiden der Schweiz?
Nun, das stimmt sicher nicht. Ich hatte - von fern - den Eindruck, dass er sich von der Ratlosigkeit der Mannschaft anstecken liess. Er wirkte zuweilen seltsam träge auf der Bank und liess seine sonst oft gesehene Impulsivtät vermissen. Ich bin - immer noch aus dem Blickpunkt der VIP-Loge - der Ansicht, dass im Spiel gegen Österreich mit einem anderen Coaching mehr drin gelegen wäre. Ev. hätte es mehr Emotionen gebraucht. Auf alle Fälle einen Plan B und - für den Fall, dass Plan B nicht funktioniert - auch einen Plan C etc. Aber soll man Pico daraus einen Strick drehen? Ich denke nicht. Er wird die WM analysieren, seine Schlüsse daraus ziehen und die entsprechenden Änderungen in seinem Langzeitkonzept vornehmen.
Waren also die Spieler schuld? Nun, wenn man während beinahe vier Spielen keinen Treffer erzielt und das erste Stürmertor kurz vor Ende des fünften Spieles fällt, dann müssen sich die Stürmer die Frage gefallen lassen, wieso sie so verschwenderisch mit den Torchancen umgegangen sind. Zweifellos haben die Jungs viel erwartet, haben in Hasle ähnliche Überlegungen angestellt, wie ich; allerdings wohl ohne die Möglichkeit eines Falls in den B-Pool.
Nach den ersten Spielen kamen Selbstzweifel auf. Man war nicht so stark, wie man meinte; man konnte das eigene Potenzial nicht umsetzen. Man war zwar schnell und konditionell gut drauf, aber es fehlte oft an der nötigen Kraft, um sich in den Zweikämpfen durchzusetzen. Und dann war da noch die Sache, dass vorne keine Treffer erzielt werden konnten. Jetzt hätte es jemanden gebraucht, der innerhalb des Teams die Führung übernahm, einen der von allen akzeptiert wurde, der bereit war, Verantwortung zu übernehmen und die anderen mitzureissen. Diesen Spieler gab es nicht und die Unsicherheit nahm zu.
Nun, ich will nicht behaupten, dass eine Schweiz in Topbesetzung in den ersten drei Spielen gepunktet hätte, aber es wären sicher Tore gefallen. Tschechien, die Slowakei und Indien wären nicht zu vergleichsweise leichten Siegen gekommen. Bei den USA bin ich mir nicht so sicher. Zwar haben die Amerikaner im Viertelfinal gegen Kanada überragend gespielt, aber im Crossoverspiel gegen die Schweiz schienen sie mir nicht unschlagbar.
Im Viertelfinalspiel gegen die Cayman Inseln war die Schweiz klarer Favorit. Aber die Verunsicherung war gross, es kam kaum ein gerader Pass zu Stande oder eine vernünftige Kombination und der Abschluss blieb schwach. Immerhin, am Ende resultierte ein Arbeitssieg.
Und dann kam das Österreichspiel. Die Schweizer liefen, kombinierten, spielten erfrischendes Hockey, liessen die Österreicher uralt aussehen, bloss sie trafen nicht. Nicht weniger als 47 Schüsse wurden auf den nicht eben sicher wirkenden Schlussmann unserer östlichen Nachbaren abgegeben und ähnlich oft flitzte die orange Kugel am Tor vorbei. Doch am Ende erzielte man nur drei läppische Tore; während die Österreicher ihre drei Powerplays souverän nutzen und drei Konterangriffe erfolgreich abschliessen konnten. Statt Österreich zweistellig abzufertigen - was duchaus den Spielanteilen entsprochen hätte - erhielt man eine 3:6 Klatsche. Wieder hatte kein Spieler die Verantwortung auf sich genommen und getroffen.... Immerhin war man dann im letzten Spiel gegen Hong Kong erfolgreicher, aber das interessiert eigentlich niemand mehr.
In zwei Jahren werden die Spieler reifer sein, es wird sich der eine oder andere Leader herauskristallisiert haben, wenn es in Bratislava darum geht, die Rückkehr in den A-Pool zu schaffen.
Die WM Pilsen war nie das Ziel der Aufbaubemühungen auf dem Weg zu einer Halbfinalqualifikation, sie war nur ein Meilenstein. Man hat schlechter abgeschnitten als geplant. Die noch bestehenden Schwächen wurden aufgezeigt, sie können aber beseitigt werden. Mit einer Ausnahme. Eine fünf gegen fünf Meisterschaft wird es vor 2014 wohl kaum geben. Aber es wird mehr Spielfelder geben, aufdenen fünf gegen fünf trainiert werden kann, auch durch den Winter. Dies muss man nutzen.
Pilsen hat gezeigt, dass die Trauben hoch hängen, aber nicht so hoch, als dass sie unerreichbar wären. Wichtig ist, dass sich die Spieler von diesem Misserfolg nicht beirren lassen, dass sie nicht die Flinte ins Korn werfen und die Nationalmannschaft fortan meiden. Die restriktive Ausgangspolitik von Pico darf nicht nur mit kritischen Augen gesehen werden, immerhin war die Mannschaft am Schluss des Turniers nach wie vor fit. Andererseits muss im Hinblick auf Bratislava geprüft werden, ob es nicht die Möglichkeit gäbe, etwas gegen den Lagerkoller zu unternehmen, der in Pilsen offenbar aufkam.
Die Schweiz hat enttäuscht, das ist unumstritten. Doch wer von dieser Entwicklung völlig überrascht ist und sich so gebärdet, als hätte dies nie geschehen dürfen, der schätzt die Situation im Schweizer Streethockey im Allgemeinen und im Umfeld der Nationalmannschaft im Besonderen schlicht und einfach falsch ein.
Die Zukunft der Nationalmannschaft liegt noch vor uns! Es muss hart gearbeitet werden, es braucht ein Engagement von allen Seiten, aber das Ziel: Qualifikation für den Halbfinal an der WM 2013 oder 2015 ist nach wie vor erreichbar. Einfach so in den Schoss fallen wird es uns aber nicht.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen